Adipositas bei Kindern und Jugendlichen und der Einfluss der Familie

Adipositas bei Kindern und Jugendlichen und der Einfluss der Familie

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Adipositas bei Kindern und Jugendlichen und der Einfluss der Familie Claudia Peter Nach wie vor gibt es eine kontroverse Diskussion daru¨ber, ob schon ¨ bergewicht/Adipodas Pha¨nomen U sitas selbst als Erkrankung angesehen werden kann oder ob es eher als gesundheitlicher Risikofaktor verstanden werden soll, der prognostisch zu einer spa¨teren erho¨hten Erkrankungsneigung fu¨hren kann. Solange aber noch so viele ¨ tiologie Fragen rund um die A ungekla¨rt sind und die Wirkungsweisen der einzelnen Einflussfaktoren noch nicht restlos aufgekla¨rt sind, ist man besser beraten, erstens diese Wissenslu¨cken nicht zu negieren und Gewissheitsbehauptungen zu vermeiden und zweitens es eher als Gesundheitsrisiko zu konzeptualisieren. Dieser Auffassung folgend hat das BMBF-Projekt, das ¨ bergewicht von 2006 bis 2009 lief, U und Adipositas als systemisches Gesundheitsrisiko begriffen und versucht, aus der Perspektive mehrerer Disziplinen neues Deutungswissen zu erarbeiten, um den weit verbreiteten naturwissenschaftlichen Reduktionismus bei der Betrachtung dieses Pha¨nomens zu vermeiden. Was hier noch als systematisches Problem erscheint und zur entsprechenden Einordnung als unsicheres Wissen auffordert, fu¨hrt aber nochmals zu einer weiteren Unterscheidung, wenn man U¨bergewicht/Adipositas bei Kindern und Jugendlichen oder bei Erwachsenen untersuchen will. Diese Unterscheidung ist aus mindestens drei Gru¨nden angebracht: (1) der heranwachsende Ko¨rper weist andere Stoffwechselkapazita¨ten, -umsa¨tze und -bedu¨rfnisse auf als der ausgewachsene Ko¨rper, (2) sind Kinder und



Jugendliche Teil einer Familie, je nach Alter erst begrenzt autonomiefa¨hig und damit sowohl durch die Lebensbedingungen als auch durch das elterliche Sorgerecht direkt von der Familie abha¨ngig und ¨ bergewicht/Adiposi(3) entfaltet U tas im Kindesalter, wenn sie bestehen bleibt, im Laufe des Lebens eine andere Entwicklungsdynamik als im Erwachsenenalter. Der erste Punkt betrifft somatische und biologische Entita¨ten, der zweite Verantwortungszuschreibungen – die Eltern haben bei ihrem Sorgerecht auch eine Gesundheitsfu¨rsorge fu¨r ihre Kinder zu erfu¨llen – und der dritte Punkt die biographischen Auswirkungen lebenslanger Gesundheitsbeeintra¨chtigungen. Das BMBF-Projekt hat sich mit seinem Forschungsauftrag auf Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene konzentriert. Im Folgenden wird sich darauf beschra¨nkt, die Ergebnisse der beiden Soziologie-Projekte (Prof. Dr. O. Renn/Stuttgart; Prof. Dr. E. Barlo¨sius/Hannover) vorzustellen. Innovativ war an der eher qualitativ ausgerichteten Forschung dieser beiden Teilprojekte, dass neue Erhebungsdesigns und neue Themen fokussiert wurden: So wurden vor allem Interviews mit den dicken Kindern und Jugendlichen selbst erhoben, statt wie bisher die Elternund die Expertenperspektive zu favorisieren, und Fokusgruppen mit verschiedenen Betroffenengruppen durchgefu¨hrt. Thematisch hat man die Kinder berichten lassen, wie das Essen tagta¨glich in der Familie organisiert wird und auf diese Weise alltagsweltlich nahe Daten erzeugt



– statt wie bisher Erna¨hrungsprotokolle oder a¨hnlich verfremdete, hoch ku¨nstliche Daten zu erzeugen – und somit auch die kindliche Wahrnehmungs- und Versta¨ndniswelt erfasst, was ebenfalls bisher in der Adipositasforschung zu kurz kam. Ein Aspekt wurde dabei bisher kaum in der Adipositasforschung thematisiert: der Zusammenhang von (intakten) Familienstrukturen, familia¨rer Essensorganisation und dem ko¨rperlichen Gesundheitszustand der Kinder, wozu auch die Gewichtsentwicklung geho¨rt. Laut der statistischen Erhebungen ist der Anteil der U¨bergewichtigen bzw. Adipo¨sen unter den tu¨rkischsta¨mmigen Kindern und Jugendlichen ho¨her als der unter den autochthonen deutschen Kindern und Jugendlichen. Bei der vergleichenden Untersuchung ist man in beiden ethnischen Gruppen auf andere Organisationsmuster des familia¨ren Essens und auf verschiedene Wertemuster gegenu¨ber dem Essen gestoßen. Die tu¨rkischen Familien, die in der Regel mit weniger finanziellen Mitteln auskommen mussten und meist beengter wohnten, haben durch alle Fa¨lle hindurch der ta¨glichen Speisenzubereitung (Kochen) und der gemeinsamen Familienmahlzeit mehr Zeit und Aufmerksamkeit gewidmet, was auch mit einer ho¨heren Wertscha¨tzung des Essens selbst einher ging. Das Kochen und die Mahlzeit stellen in diesen Familien noch soziale Institutionen dar, sind also feste, strukturierende Gro¨ßen des Familienlebens. Folgerichtig kann man hier¨ bergewicht und aus ableiten, dass U

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dern war eher fu¨r den Einzelfall typisch, also Leistung der einzelnen Familie. Um die familia¨re Essenorganisation gut einscha¨tzen zu ko¨nnen – um dementsprechend in Zukunft einzelfall-, zielgruppen- oder milieusensibel gesundheitsfo¨rdernde oder pra¨ventive Maßnahmen planen zu ko¨nnen – sollten folgende Punkte bei den Familien erfragt und u¨berhaupt erst erforscht werden: – Bei Tisch: Organisation der Mahlzeit  Regeln bei Tisch – Am Herd und im Kochtopf: Zubereitung und Auswahl des Essens durch die Familienmitglieder  Arbeitsteilung in der Familie  Kochsozialisation der Kinder  Pra¨ferenz der Ku¨che  Mitspracherecht der Kinder und  Einkaufsverhalten Erna¨hrungswissen – Verpflegung außer Haus  Anteil gemeinsamer Mahlzeiten und Außerhausverpflegung  Regelma¨ßigkeit und Gru¨nde.

Erst wenn man erkennt, dass das kindliche Essverhalten im Wesentlichen Produkt der familia¨ren So-



Literatur siehe Literatur zum Schwer- punktthema. www.elsevier.de/phf-literatur Der korrespondierende Autor erkla¨rt, dass kein Interessenkonflikt vorliegt. doi:10.1016/j.phf.2009.12.011 Dr. Claudia Peter Universita¨t Bielefeld Fakulta¨t fu¨r Gesundheitswissenschaften Universita¨tsstraße 25 33615 Bielefeld [email protected]

zialisation ist und die Erziehung sich gerade oft bei Tisch vollzieht und deren anomische Variante oft keinen Ort und keine Zeit mehr bei Tisch kennt, dann ist man der ’’ Vervollsta¨ndigung des Puzzles – na¨mlich der interdisziplina¨ren Erforschung des fu¨r die moderne ¨ berflussgesellschaft typischen wie U ra¨tselhaften Pha¨nomens Adipositas – einen Schritt na¨her gekommen. ’’

Adipositas hier andere Entstehungsgru¨nde haben als bei den deutschen Kindern und nicht im Essfehlverhalten liegt, und damit diverse Interventionen zeitigen mu¨ssten. Wenn man die zu stark vereinfachende Deutung des Zu-viel-Essens und Zu-wenig-Bewegens als reduktionistische naturwissenschaftliche Erkla¨rung, die mindestens so viel Fragen wie Antworten erzwingt, beiseite la¨sst und stattdessen bemerkt, dass hier noch eine funktionierende familia¨re Essensorganisation und eine gesunde (!) Ku¨che zu finden ist – was bei dem Großteil der untersuchten deutschen Familien kritisch eingescha¨tzt werden muss – dann muss ein Umdenken hin zu komplexeren Deutungen einsetzen. Die Verbindlichkeit zur gemeinsamen Mahlzeit bestand bei einem gro¨ßeren Teil der deutschen Familien nicht mehr, Essregeln konnten die Kinder oft nicht benennen, nicht jeden Tag wurde regelma¨ßig zur gleichen Tageszeit einmal warm gekocht, die meist geschlechtstypische Aufteilung der Organisation des Essens (Einkauf, Zubereitung, Auftischen, Abra¨umen) – die in tu¨rkischen Familien oft noch ritualisiert ist – ist nicht mehr die Regel bei den deutschen Familien gewesen, son-

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Einleitung Die Adipositasforschung ist mittlerweile ca. 150 Jahre alt und bisher leider nicht sehr erfolgreich gewesen. Die impliziten Normierungen in den naturwissenschaftlichen und medizinischen Deutungen haben dabei auch oft den Blick auf bestimmte Aspekte verstellt bzw. den Bereich der sozialen Einflu¨sse unterbelichtet gelassen. Ein Aspekt, der bisher wenig thematisiert wurde, ist der des Zusammenhangs von (intakten) Familienstrukturen, familia¨rer Essensorganisation und dem ko¨rperlichen Gesundheitszustand der Kinder, wozu auch die Gewichtsentwicklung geho¨rt. Erst wenn man erkennt, dass das (kindliche) Essverhalten im Wesentlichen Produkt der familia¨ren Sozialisation ist und die Erziehung sich gerade oft bei Tisch vollzieht und deren anomische Variante oft keinen Ort und keine Zeit mehr bei Tisch kennt, dann ist man der Vervollsta¨ndigung des Puzzles – na¨mlich der ’’ ¨ berflussgesellschaft typischen wie ra¨tselhaften Pha¨nomens interdisziplina¨ren Erforschung des fu¨r die moderne U Adipositas – einen Schritt na¨her gekommen. ’’

Schlu¨sselwo¨rter: Juvenile Adipositas=juvenile obesity, familia¨re Essensorganisation=familial organisation of eating, Methoden der Kindheitsforschung=methods of children and childhood studies

Weiterfu¨hrende Literatur Audehm K. Erziehung bei Tisch. Zur sozialen Magie eines Familienrituals. Bielefeld: Transcript Verlag; 2007. Kaufmann J-C. Kochende Leidenschaft. Soziologie vom Kochen und Essen. Konstanz: UVK; 2006.



Leonha¨user I-U, Meier-Gra¨we U, et al. Essall tag in Familien. Erna¨hrungsversorgung zwischen privatem und o¨ffentlichem Raum. Wiesbaden: VS Verlag; 2009. Peter C. Dicke Kinder. Fallrekonstruktionen zum sozialen Sinn der juvenilen Dickleibig keit. Bern: Huber Verlag; 2006.

Rose L. Essen und U¨berfressen. Anmerkungen zu kulturellen Aspekten der Nahrungsauf nahme. In: Schmidt-Semisch H, Schorb F, Herausgeber. Kreuzzug gegen Fette. Sozialwissenschaftliche Aspekte des ge sellschaftlichen Umgangs mit U¨bergewicht und Adipositas. Wiesbaden: VS Verlag; 2008. S. 227–40.

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